WGAY Gesucht
joanaweber
Nov 18, 2017 · 7 min read
Foto: Karl Kratz

Anfang April diesen Jahres sah ich einen Künstler auf der Warschauer Straße in Berlin performen, der mich innehalten ließ. Ein volltätowierter Mann rappte sich die Seele aus dem Leib und zog so die vorbeigehenden Menschen in seinen Bann. Ein paar Monate später bekam ich die Chance, dieses Talent direkt vor seiner Show in der Bar Tausend zu interviewen und hätte nicht glücklicher sein können über die Antworten , die ich bekam. Lest selbst:

Kannst du dich in einem Satz beschreiben?

Mein Name ist Infidelix und ich bin ein weltreisender Straßenrapper, der Menschen auf der ganzen Welt inspiriert.

Seit wann machst du Musik?

Ich habe schon immer Musik gemacht. Mein erstes Musikvideo kam vor fast sechs Jahren raus. Das ist nicht wirklich lang, aber seit diesem Zeitpunkt mache ich es professionell und sehe die Musik als das an, was ich in meinem Leben tun möchte.

Performst du lieber auf der Straße, als in Konzerthallen?

Ja, das tue ich definitiv. Ich bevorzuge Straßenmusik, weil sie echt ist: Die Leute müssen nicht stehen bleiben, sie können auch einfach weitergehen. Wenn du in einem Club spielst, ist Mensch normalerweise hier, um seine Freunde zu unterstützen, auch wenn einen die anderen Bands nicht interessieren. Man raucht dann vielleicht einfach eine Zigarette und macht sein eigenes Ding.

Ich fühle mich so, als wäre meine Energie hier drin gefangen, was zwar gut ist, aber wenn ich draußen bin, kann ich sie im gesamten Universum verteilen. Ich möchte, dass sie zum Beispiel in diesen Baum dort fließt und für immer darin bleibt. Ich mag die Straßen, weil sie einfach schöner sind. Die Sonne geht unter, die Vögel zwitschern, der Wind streift einem leicht übers Gesicht und man bekommt dieses besondere Gefühl. Es ist mehr als Musik, du bist mit dem Universum vereint, während du Musik machst und alles kommt zusammen.

Foto: Karl Kratz

Was ist deine Inspiration, hast du irgendwelche Vorbilder?

Ich betrachte Rap nicht als meinen Einfluss. Ich höre kaum Rap, ich mache ihn einfach, das ist mein Weg mich auszudrücken.
Ich schaue nicht zu anderen Rappern auf, weil ich denke, dass sie einen negativen Einfluss auf die Dinge haben, wenn sie über Frauen und Koks sprechen. Ich schaue zu Menschen auf, die die Welt verändern und einen Unterschied machen, technologische Fortschritte machen, zum Mond geflogen sind, dieser Typ von Menschen.

Die HipHop Szene wird oft als anti-homosexuell beschrieben. Hattest du persönlich damit schon mal Probleme?

Sieh mich an, ich bin voller Tattoos, wenn jemand Scheiße reden will, kann er das tun, aber dann muss er mit einem Gegenschlag rechnen — ich würde nicht einfach nur dasitzen. Um fair zu sein, niemand hat jemals diese Linie überschritten. Ich denke auch, weil meine Homosexualität nicht der Grund ist, warum ich Musik mache. Ich bin kein schwuler Rapper, es ist nicht meine Marke, ich bin ein Rapper, der schwul ist. Ich bin geoutet, allerdings gibt es nichts Öffentliches darüber, was manchmal schade ist, weil nur Frauen kommen und mit mir reden, mich nach den Shows auf Facebook adden und so weiter.

Woher kommst du ursprünglich und betrachtest du Berlin als dein Zuhause?

Ich komme aus Texas und bin es gewohnt, nur Leute aus Texas zu kennen, ich habe nie unterschiedliche Regeln, Gesetze oder Denkweisen kennengelernt. Jetzt, da ich gesehen habe, was es alles sonst noch gibt, könnte ich nie mehr zurückgehen, das wäre ein Rückschritt von dem, was ich hier erreichen kann.
Ich bin ein Reisender, ich folge meinem Herzen. Berlin ist mein Zuhause, solange die Leute mich hier haben wollen.

Foto: Karl Kratz

Hattest du Schwierigkeiten, in Berlin eine Wohnung zu finden?

Es ist schwer für mich, weil Straßenmusik illegal ist, also kann ich einem Vermieter kein Einkommen nachweisen. Zum Glück leben wir in einer großen Stadt und ich habe jemanden gefunden, der mein Geld nimmt. Ich teile mir ein Zimmer mit jemandem und lebe seit drei Jahre unter seinem Namen, aber jetzt ist es Zeit umzuziehen. Ich möchte alles auf die Reihe bekommen und ich will mein eigenes Zimmer. Ich bin ein Typ aus Texas, der versucht, einen Weg zum Überleben zu finden und seine Musik zu machen. Es ist nicht immer alles einfach, zum Beispiel eine Wohnung zu bekommen. Man muss kämpfen, denn das Leben versucht immer noch, den Träumen in die Quere zu kommen.

Lass uns über deine Tattoos sprechen. Haben sie eine besondere Bedeutung für dich?

Zuerst nicht, aber inzwischen schon. Ich habe sie aus unterschiedlichen Gründen gemacht. Das auf meinem Gesicht erinnert mich daran, vorsichtig zu sein: Wenn du erfolgreicher wirst, kommen Menschen in dein Leben, die toxisch für dich sein können. Man merkt das vielleicht anfangs nicht, aber die Leute wollen immer etwas von dir, so funktioniert die Welt.

Ich betrachte mich jetzt offiziell als Rapper und kann sagen, dass ich nie wieder für jemanden arbeiten werde. Und ich mag es, dass ich jetzt in dieser Position bin. Es fühlt sich gut an, denn es gab einen Punkt in meinem Leben, als ich das nicht konnte und ich mir Sorgen um meine Arbeit gemacht habe, aber inzwischen nicht mehr. Scheiß auf meine Jobs, mein jetziger Job lässt mich alles machen und ich habe auch mein Gay Pride Tattoo.

Nicht alle Tattoos sind in Studios gemacht worden, einige davon sind in den Wohnzimmern oder Küchen von Leuten entstanden. Es geht um die Erfahrung. Ich habe mich selbst in einem Haus ohne Strom tätowiert, weil mir wirklich langweilig war. Sie sind beschissen, aber ich behalte sie. Ich bin keine Person, die sich darum kümmert, was andere Leute über mich denken. Am Ende des Tages mache ich das nicht für sie, sondern für mich.

Foto: Timeless Cut Production

Findest du, dass die Menschen mehr tun könnten, als sie momentan tun, um die LGBT+ Rechte zu fördern?

Ich denke, es geht um Bewusstsein. Mein Privileg als offen schwuler Rapper, ist, dass viele fünfzehn, sechzehn, siebzehn jährige Jungs sich mir anvertrauen und Fragen zu dem Thema haben. Ich bekomme E-Mails von Menschen mit “Hey, kann ich dich etwas fragen?” und dann weiß ich schon, worum es geht. Es ist wirklich cool, weil sie jemanden haben, dem sie vertrauen und mit dem sie reden können.

Ich denke, was hilft, die Dinge zu beeinflussen, ist, dass die Menschen sich in jüngerem Alter wohler fühlen müssen, denn sie sind unsere nächste Generation. Du könntest homosexuelle Menschen hassen, bis dein Sohn schwul ist oder deine Tochter lesbisch und dann ändert sich deine Meinung. Aber wenn sich diese Kinder ihr ganzes Leben verstecken müssen, werden ihre Eltern nie erfahren, wie es ist, jemanden so zu lieben — dieses Kind muss eine Lüge leben und die Eltern werden Homosexuelle weiterhin hassen, weil ihnen nicht bewusst ist, dass so jemand zu ihrer Familie gehört.

Ich habe eine Cousine, die gerade dabei ist, ihren Namen von Robbie in Rachel zu ändern und ich habe einen anderen schwulen Cousin. Es ist, als ob sich alle Kinder outen und unsere Eltern haben die Wahl: Sie können uns lieben oder nicht lieben, aber es öffnet den Menschen die Augen.

Das Gleiche gilt für mich, ich habe viele Freunde, die nicht wissen, dass ich schwul bin, bis ich mich oute. Anfangs haben sie vielleicht Angst, aber dann lernen sie mich kennen und sehen, dass wir nicht verrückt sind.

Es geht um Aufklärung, du kannst protestieren gehen, wenn du möchtest, aber das ist keine direkte Aufklärung. Ich genieße, mit jemandem zusammen zu sitzen und Dinge sagen zu können wie “Hey, ich bin schwul”. Ich habe mit volltätowierten Gangstern gechillt, die wahrscheinlich schon jemanden umgebracht haben und sie haben mich akzeptiert, weil ich nicht gelogen habe oder so getan habe, als wäre ich jemand anders.

Hast du eine bestimmte Nachricht für die Community?

Steht für euch selbst ein. Wenn ihr seht, dass sich über jemanden lustig gemacht wird, tut etwas dagegen. Wenn ihr etwas seht, mit dem ihr nicht einverstanden seid, sagt etwas. Denn wenn wir uns einfach rausnehmen und nichts tun, werden solche Dinge als in Ordnung betrachtet.

Kein Kind sollte in der Schule gemobbt werden. Wenn ein Junge seine Nägel lackieren möchte, sollte er deshalb nicht auf die Treppe geschubst werden. Wenn jemand so etwas tut, müsst ihr diese Leute finden und verdammt noch mal sagen, dass das nicht okay ist. Es geht darum zu erkennen, wenn etwas schief läuft und dass man da ist, um die jüngeren Menschen zu unterstützen.

Als ich dreizehn war, gab es niemanden, der offen homosexuell war, keiner hatte den Mut, sich zu outen. Aber heutzutage gibt es solche Kinder und das ist so cool zu sehen, denn diese Kids sind unsere nächste Generation. Vielleicht sind die Gesetze und Rechte jetzt scheiße, aber diese Menschen sind die Zukunft und werden in zehn Jahren unsere Gesetze entwerfen.

Immer noch einer der Hauptgründe, warum Menschen Selbstmord begehen, ist, weil sie mit ihrer Sexualität zu kämpfen haben und nicht einfach glücklich sein können. Deshalb ist es wichtig, diese Menschen wissen zu lassen: “Hey, du wirst geliebt.” Wenn die Leute mich nicht geliebt und unterstützt hätten, wäre ich heute nicht hier, denn wir alle kämpfen mit diesen Gedanken.

Foto: Karl Kratz

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Founder and CEO of www.WGAY-Gesucht.de

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